„Länger besser leben“

Wie das DUCAH die digitale Transformation im Gesundheits- und Pflegebereich vorantreibt – und wie die Kund:innen der Evangelischen Bank davon profitieren. Ein Interview mit Gründungsmitglied Prof. Dr. Dr. Thomas Schildhauer.

Prof. Dr. Dr. Thomas Schildhauer
Prof. Dr. Dr. Thomas Schildhauer ist Informatiker und Internetforscher. Er ist Professor an der UdK Berlin, arbeitet u. a. als Direktor des Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, ist Principal Investigator am Einsteincenter Digitale Zukunft und Mitinitiator und Teilprojektleiter des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Verbundvorhabens Berlin-Brandenburg „Weizenbaum Institut für die vernetzte Gesellschaft. Das Deutsche Internet Institut“.

Sie haben in Berlin das Digital Urban Center for Aging & Health, kurz DUCAH, gegründet, um das Gesundheitssystem der Zukunft zu entwickeln. Was machen Sie dort genau?

Schildhauer: Als ich vor zweieinhalb Jahren zum Forschungsaustausch an der Berkeley University in Kalifornien war, hatte ich die Gelegenheit, auf dem sogenannten Medical Campus anzuschauen, wie man auf einem gemeinsam integrierten Campus das gesamte Pflege- und Gesundheitssystem abbildet – vom Krankenhaus bis zum betreuten Wohnen – und gleichzeitig beforscht. So etwas bauen wir in Deutschland auch auf. Eine App zur Sturzerkennung wurde beispielsweise direkt im Pflegequartier der Stiftung Neuerkerode ausprobiert. Wir haben das Pflegepersonal geschult und die Bewohner:innen gefragt, ob sie Lust haben, die App auszuprobieren. Der Praxistest liefert wichtige Erkenntnisse und Weiterentwicklungen an Produkten, die ohne diese Praxisphase nicht möglich wären.

Warum sind Innovationen in diesem Bereich so wichtig?

Schildhauer: Es gibt einen großen Bedarf im Pflege- und Krankenhausbereich, um das Personal zu entlasten. Gleichzeitig fehlt die Zeit, um über Innovationen nachzudenken. Da setzen wir an. Wir haben zum Beispiel Impulsteams gebildet, in denen Pfleger:innen, Vertreter:innen der Quartiere und Krankenhäuser mit Forscher:innen und Designer:innen gemeinsam überlegen: Wie kriegen wir die Innovationen, die ja teilweise bereits existieren, in die Praxis?  Und die entstandenen Ideen werden dann zeitnah im Quartier gemeinsam mit den Bewohner:innen ausprobiert.

Die Bundesregierung und über 30 deutsche Unternehmen sind Gründungsmitglieder der DUCAH, darunter die EB. Wie passt die EB und ihre Kund:innen hier rein? Und wie profitieren sie?

Schildhauer: Das passt sehr gut, weil die Evangelische Bank die Unternehmen aus der Pflege und die Quartiersbetreiber als Kund:innen hat. Die Evangelische Bank stellt mit ihrem Change Hub in Berlin eine Struktur zur Verfügung, um Organisationen zu helfen, aktiv in den digitalen Veränderungsprozess zu gehen. Durch das DUCAH-Netzwerk bringen wir die entsprechenden Protagonisten mit an den Tisch. Das hilft den Kund:innen bei der Suche nach innovativen Lösungen und der Bank dabei, nutzenstiftende Investments zu finanzieren. Beispiel: Ein Pflegequartiersbetreiber, der gerade ein neues Quartier im Norden von Berlin mit einem Investitionsvolumen von 12 Millionen Euro baut, würde gern jetzt schon digitale Infrastruktur einsetzen und etwa den Boden mit Sensoren zur Sturzerkennung ausstatten. Dafür benötigt er zusätzliche Gelder. Mithilfe der EB, die ja eine Fördermittelberatung anbietet, ist das vielleicht möglich.

An was wird derzeit gearbeitet?

Schildhauer: Eines unserer acht Impulsteams beschäftigt sich mit sogenannten Medical Needs. Erprobt wird gerade eine Anwendung zum Thema Diabetes-Früherkennung. Sie gibt Hilfestellungen, wie man ohne sich gleich spritzen zu müssen zunächst einmal durch Umstellungen in der Ernährung und anderer Gewohnheiten zurechtkommt. Ein anderes Projekt sucht nach einer Lösung im Bereich Demenzerkrankungen. Ziel ist es, Nachbarn oder Freunde im ähnlichen Alter zu vernetzen, um die Problematik länger abzudämpfen und sozial miteinander in Kontakt zu kommen. Unsere Forschung trägt hoffentlich dazu bei, dass Menschen länger in ihrem angestammten sozialen Umfeld leben bleiben können. Das macht sie zufriedener – und entlastet das Pflegesystem. Unser Untertitel lautet inzwischen folgerichtig: Länger besser leben.

Wie können Unternehmen und Projekte aus der Gesundheits- und Pflegewirtschaft für Investoren interessant werden und sich so refinanzieren?

Schildhauer: Dass diejenigen, die am Ende Kund:innen sein sollen, frühzeitig bei der Entwicklung mit eingebunden werden, ist ein wichtiger Feedbackprozess. Die Resonanz ist entsprechend groß. Es gibt aktuell eine Warteliste von Start-ups, die Lösungen erproben wollen. Auf der anderen Seite stehen die Pflegequartiere, die sagen, wir wollen unsere Probleme und Herausforderungen auf den Tisch bringen. Wir verlängern gerade unser Netzwerk in die Ausbildungsprogramme der Hochschulen, wo Studententeams, die interdisziplinär zusammengesetzt werden, Lösungen und vielleicht künftig erfolgreiche Unternehmen generieren.