„Der Finanzsektor hat eine entscheidende Rolle als Ermöglicher der Transformation“

Katharina Beck
Katharina Beck

Die europäische Nachhaltigkeitsregulierung betrifft künftig nicht nur große börsennotierte Unternehmen und Kreditinstitute, sondern auch wesentlich kleinere Unternehmen.

Für viele werden insbesondere die Berichtspflichten steigen. „LebensWert-Treff“-Impulsgeberin Katharina Beck stellt in Aussicht, dass kein Unternehmen dabei auf der Strecke bleibt und sich klimafreundliches Wirtschaften künftig für alle lohnt.


Frau Beck, mit transparent gemachten Kennzahlen ist noch keine Maßnahme für den Klimaschutz umgesetzt. Warum sind die neuen Berichtspflichten dennoch wichtig?

Aussagekräftige und vergleichbare Kennzahlen sind Voraussetzung, damit Investierende neben Finanzdaten auch Nachhaltigkeitsfaktoren bei ihren Investitionsentscheidungen berücksichtigen. Die Finanzierungskonditionen werden sich in Zukunft immer stärker an Nachhaltigkeit orientieren. Das setzt bei Unternehmen Anreize, ihre Klima- und Nachhaltigkeitsbilanzen zu verbessern. Ein Meilenstein ist deshalb, dass erstmals auch zukunftsgerichtete Daten und Nachhaltigkeitsstrategien verpflichtend Teil der Berichterstattung von Unternehmen sein sollen – integriert im regulären Jahresbericht und damit ebenbürtig mit den Finanzdaten.

Wird die Erhebung der Daten nicht viele Akteure überfordern?

Um insbesondere kleine und mittlere Unternehmen mit den Berichtspflichten nicht zu überlasten, erdenken wir Mittel und Wege, sie dabei zu unterstützen. Beispielsweise könnte den Unternehmen beim Aufbau der Fähigkeiten zur Erhebung wichtiger Indikatoren wie beispielsweise der CO2-Emissionen geholfen werden. Darüber hinaus planen wir, sozialökologische Kennzahlen in die finanziellen Bilanzen zu integrieren – und wir wollen die Rechnungslegungsstandards im Handelsgesetzbuch und die International Financial Reporting Standards um Nachhaltigkeitswerte ergänzen. So wird sich klimapositives Wirtschaften endlich finanziell lohnen.

Das Kernstück der europäischen Nachhaltigkeitsregulierung ist die Taxonomie. Muss das bislang hauptsächlich ökologisch ausgerichtete Regelwerk aus Ihrer Sicht um eine Soziale Taxonomie erweitert werden?

Klimaschutz und Soziales zusammendenken – das war schon immer grünes Credo. Deswegen war für uns von Anfang an klar, dass der klimabezogene Teil der EU-Taxonomie nur einen ersten Schritt hin zu einer allgemein anerkannten Nachhaltigkeitsdefinition für die Finanzmärkte darstellen kann. Bei der Umsetzung einer Sozialen Taxonomie müssen wir allerdings aufpassen, dass sich die Fehler bei Erarbeitung der grünen Taxonomie nicht wiederholen: Eine Taxonomie, die Investitionen in offensichtlich nicht nachhaltige Branchen als nachhaltig deklariert, verliert jegliche Glaubwürdigkeit – und damit auch jeglichen praktischen Nutzen. Eine Soziale Taxonomie, die den Namen verdient, sollte sich daher nicht in zu langen Katalogen von Aktivitäten erstrecken, sondern sich an der Wirkung orientieren.

Vor dem Hintergrund aktueller geopolitischer Krisen und wirtschaftlicher Herausforderungen kann der Eindruck gewonnen werden, Nachhaltigkeit tritt wieder in den Hintergrund. Teilen Sie diese Wahrnehmung?

Nein. Denn die aktuellen Krisen führen uns ja gerade deutlich vor Augen, wie dringend wir die Transformation zu einer klimapositiven Kreislaufwirtschaft mit sozialem Profil brauchen – und wie falsch so manche Entwicklung in der Vergangenheit war. Ein Beispiel ist der Energiesektor. Jahrelang gab es hier Stillstand beziehungsweise sogar ein Verhinderungsregime gegen erneuerbare Energien. Das ändert sich gerade grundlegend, denn die nachhaltige Transformation des Energiesektors treibt die neue Regierung jetzt endlich beherzt voran.

Um die Ziele des Pariser Klimaabkommens und die Sustainable Development Goals der UN zu erreichen, muss jeder – egal ob Staat oder Unternehmen – Beiträge leisten. Ist dies auch der Finanzwirtschaft ausreichend bewusst?

Lange hat in der Finanzwirtschaft das Versträndnis gefehlt, dass Nachhaltigkeit kein Thema für extra Hochglanzbroschüren sein sollte, sondern den Kern der Geschäftsmodelle ihrer Kund:innen und Investitionsprojekte betrifft. Die Top-3 der Risiken für die Wirtschaft, die das Weltwirtschaftsforum (WEF) jährlich herausgibt, waren in 2022: Klimawandel, extreme Wetterereignisse, Verlust an Biodiversität. Das sind Risiken aus Sicht der Weltwirtschaft – nicht aus Sicht eines Naturschutzverbandes oder einer grünen Partei.

Welchen Wunsch haben Sie an die deutschen Kreditinstitute in puncto Nachhaltigkeit?

Die konsequente Integration von Klima- und Nachhaltigkeitsrisiken in die Risikomanagementsysteme und Aufsicht sehe ich als einen der wichtigsten Hebel für die Transformation der Finanzwirtschaft an. Hier ist noch viel Luft nach oben. Dies zeigen auch die Ergebnisse des aktuellen Klimastresstests der Europäischen Zentralbank: 60 Prozent der überprüften 104 Banken verfügen nicht über die nötigen Rahmenbedingungen zur Berücksichtigung der Klimarisiken in ihren Risikomodellen – von Biodiversitäts- oder anderen Nachhaltigkeitsrisiken ganz zu schweigen. Auch wünsche ich mir, dass in Kreditvergabeprozessen Nachhaltigkeit zu einem entscheidenden, sich auch finanziell auswirkenden Kriterium wird. Zudem sollten Eigenkapitalgeber:innen stärker die Nachhaltigkeitswirkung für Ihre Investitionsentscheidungen berücksichtigen. Der Finanzsektor hat eine entscheidende Rolle als Ermöglicher der Transformation.