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Digitalisierung, die dem Menschen dient

10. September 2026

Businesswoman working with smart phone and laptop and digital tablet computer in office with marketing media in virtual icon.

Verantwortungsbewusste Digitalisierung ist mehr als der Einsatz neuer Technologien. Im Interview erklärt Prof. Dr. Jeanette Hofmann, warum Bildung, Teilhabe, Nachhaltigkeit und demokratische Verantwortung entscheidend sind, damit Digitalisierung den Menschen dient und gesellschaftlichen Mehrwert schafft.

Künstliche Intelligenz, digitale Plattformen und automatisierte Prozesse verändern Wirtschaft und Gesellschaft. Doch wie gelingt eine verantwortungsbewusste Digitalisierung, die den Menschen dient? Darüber spricht Prof. Dr. Jeanette Hofmann, Forschungs- und Gründungsdirektorin des Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft, im Podcast „Ermutigende Blickwinkel“.

EB: Sie beschreiben Digitalisierung als tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel. Was bedeutet das konkret? 

Prof. Hofmann:
Digitalisierung verändert weit mehr als nur Technologien. Viele vertraute Gegenstände, Konzepte und sogar unsere Sicht auf die Welt werden dadurch neu geprägt. Ein anschauliches Beispiel ist das Telefon: Was früher ein eigenständiges Gerät war, ist heute nur noch eine Anwendung auf dem Smartphone. Ähnliche Veränderungen erleben wir in vielen Bereichen des Alltags. Rund um bestehende Produkte und Dienstleistungen entstehen digitale Angebote, die Prozesse und Geschäftsmodelle grundlegend verändern. Diese sogenannte Plattformisierung führt etwa dazu, dass Hotels ihre Leistungen zunehmend über digitale Plattformen anbieten. Dadurch gewinnen sie zwar Reichweite, werden aber zugleich stärker von den Bedingungen und Vorgaben dieser Plattformen abhängig. Das kommt bei allen an – Endverbraucher:innen, Betreiber, Unternehmen – und führt zu einem Widerspruch: Einerseits haben wir mehr Wahlmöglichkeiten als früher, andererseits entstehen neue Abhängigkeiten von Plattformen und digitalen Infrastrukturen. 

EB: Welche Auswirkungen der Digitalisierung werden aus Ihrer Sicht aktuell unterschätzt? 

Prof. Hofmann: Ein Zukunftsforscher hat einmal gesagt, dass wir im technologischen Wandel die kurzfristigen Auswirkungen häufig überschätzen, die langfristigen jedoch unterschätzen. Ich glaube, dass man das aktuell sehr gut an der Diskussion über Künstliche Intelligenz beobachten kann. Wir sprechen häufig darüber, ob KI-Systeme irgendwann intelligenter werden als Menschen oder sich verselbstständigen könnten. Ich halte das kurzfristig für wenig realistisch. Viel entscheidender sind die Veränderungen, die digitale Technologien langfristig bei uns selbst bewirken. Sie beeinflussen, wie wir die Welt wahrnehmen, wie wir uns selbst sehen und wie wir uns mit anderen vergleichen. Digitalisierung verändert also nicht nur unsere Werkzeuge und Arbeitsweisen, sondern auch unser Denken und unser gesellschaftliches Miteinander.

Frau Dr. Jeanette Hofmann sitzt auf einem Stuhl, mit Brille und kurzen Haaren vor grünem Hintergrund
Prof. Dr. Jeanette Hofmann (Fotos: WBZ/Kathrin Kliss)

EB: Welche Rolle spielen Bildung und digitale Kompetenzen? 

Prof. Hofmann: Ich sperre mich ein wenig gegen den Begriff „digitale Bildung“. Die Bildung und das Selbstbewusstsein, das wir durch Bildung erzeugen, hat unmittelbare Konsequenzen darauf, wie wir uns im digitalen Raum bewegen. Beim Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft haben wir vor einiger Zeit eine Studie im Auftrag des Familienministeriums durchgeführt. Wir haben untersucht, wie junge Leute die Digitalisierung für sich zu nutzen wissen. Es hat sich gezeigt, dass junge Menschen aus bildungsarmen Haushalten sich viel weniger zutrauen und sich deshalb auch weniger frei im digitalen Raum bewegen. Das führt dazu, dass sie digitale Medien weniger für ihre eigene Entwicklung nutzen können. 

Kinder aus eher bürgerlichen Haushalten nutzen digitale Angebote, auch um ihre eigenen Kompetenzen weiterzuentwickeln und daraus Selbstwirksamkeit zu erzielen. Also: Bildung schafft Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit. Beides ist entscheidend dafür, digitale Chancen nutzen zu können. 

Digitale Technologien bieten großes Potenzial für Klimaschutz und Ressourceneffizienz, etwa durch die intelligente Steuerung erneuerbarer Energien. Gleichzeitig steigt ihr ökologischer Fußabdruck: Expert:innen gehen davon aus, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 auf 1.389 Terawattstunden mehr als verdoppeln könnte. Auch die Menge an Elektroschrott aus Servern und Datenspeichern dürfte deutlich steigen. Der Leitfaden „Grüne IT und Grüne KI“ des Forschungsinstituts für Nachhaltigkeit (RIFS) schafft Orientierung, wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz nachhaltiger gestaltet werden können.

EB: Zum Abschluss: Was stimmt Sie trotz aller Herausforderungen optimistisch? 

Prof. Hofmann: Die Wahl- und Handlungsmöglichkeiten der Menschen haben sich durch den medialen Wandel beständig vergrößert. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, gab es wenige Informationsquellen. Heute können wir Informationen unmittelbar überprüfen, unterschiedliche Perspektiven einbeziehen und unseren Horizont erweitern. Das finde ich begrüßenswert. 

EB: Vielen Dank für das Interview. 

Das ganze Interview mit Prof. Dr. Hofmann können Sie im Podcast “Ermutigende Blickwinkel” hier und auf allen gängigen Podcast-Plattformen hören: www.eb.de/podcast