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Digitalisierung in der Kirche: Zwischen Aufbruch, Rückstand und KI-Dynamik

17. Juni 2026

Schild mit der Aufschrift "Kirche 2.0" vor einer verschommenen Kirche

Digitalisierung in der Kirche ist kein neues Thema, verläuft jedoch sehr unterschiedlich. Das zeigt die zweite Auflage der Studie „Digitalisierung im Raum der Kirchen“, durchgeführt vom VRK, gemeinsam mit der Macromedia University. „EinBlick“ hat dazu mit den Studienautoren sowie einem Digitalisierungsexperten aus der kirchlichen Praxis gesprochen.

Viele gute Ideen – aber wenig gemeinsame Linie

Studienleiter Prof. Dr. Holger Sievert von der Macromedia University beschreibt die Ausgangslage sehr klar: „Im Moment erleben wir oft, dass Digitalisierung eher unsystematisch passiert – häufig getrieben von akuten Bedarfen vor Ort oder einzelnen engagierten Personen, die einfach Lust auf das Thema haben. Was dagegen oft fehlt, ist eine übergreifende Strategie.“

Lars Karrock, Chief Information Officer (CIO) der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), bestätigt diese Beobachtung aus der Praxis: „Digitalisierung ist bei uns nicht ‚aus einem Guss‘ entstanden, sondern aus vielen ganz konkreten Bedarfen im Alltag heraus. Irgendwann haben wir gemerkt: Es braucht mehr Zusammenführung, mehr gemeinsames Denken.“

Auch für den Versicherer im Raum der Kirchen (VRK) war genau dieser fehlende strategische Rahmen ein zentraler Ausgangspunkt für die erneute Untersuchung. Jürgen Stobbe, Vorstandssprecher des VRK, beschreibt:

„Digitalisierung und in letzter Zeit vor allem KI sind zentrale Zukunftsthemen – das gilt auch und gerade für Kirche in Zeiten vieler Veränderungen, wie wir sie gerade erleben.“ Ziel der Studie sei es deshalb gewesen, aktuelle Trends einordnen zu können und besser zu verstehen, was den Versicherten wichtig ist.

Jürgen Stobbe, Fotograf: Christian Schauderna
Jürgen Stobbe, Fotograf: Christian Schauderna

Drei Realitäten innerhalb der Kirche

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die drei Anwendergruppen, die die Studie getrennt betrachtet: Kirchenmitglieder, Mitarbeitende und Institutionen. Hier zeigt sich eine deutliche Diskrepanz, wie Prof. Sievert erläutert: „Während die Mitglieder digital überraschend fit sind, bewegen sich Kirchenmitarbeiter:innen etwa auf dem Niveau der Gesamtbevölkerung.“ Dieser Unterschied hänge allerdings weniger mit der Kirchenzugehörigkeit zusammen, sondern eher mit sozioökonomischen Faktoren wie der Bildung und dem sozialen Hintergrund. Beiden Gruppen gemeinsam ist, dass sie eine wichtige Rolle bei der digitalen Transformation spielen könnten.

Ganz anders sieht es bei den kirchlichen Institutionen aus, die im Vergleich deutlich zurückliegen. Besonders im Bereich Social Media zeigt sich ein Rückstand von zehn bis fünfzehn Jahren gegenüber Unternehmen der Privatwirtschaft. Auch beim Thema Künstliche Intelligenz reagierten kirchliche Einrichtungen langsamer als andere Organisationen. Das Problem dabei:

„Der Abstand wird immer größer und damit steigt auch das Risiko, dass sie kommunikativ irgendwann schlicht nicht mehr wahrgenommen werden“, sagt Prof. Sievert.

Prof. Dr. Holger Sievert
Prof. Dr. Holger Sievert

Die eigentliche Baustelle: Organisation und Arbeitsweise

Lars Karrock von der EKHN sieht Fortschritte: „Die Synode hat den Digitalisierungsprozess klar beauftragt, zentrale Projekte wie Dokumentenmanagement, IT-Warenkorb oder Wissensmanagement sind auf einem guten Weg, und die Art, wie wir arbeiten, verändert sich gerade grundlegend.“ Gleichzeitig benennt er sehr konkret die Grenzen: 

„Nachholbedarf sehen wir vor allem bei der Projektarbeit – als historisch gewachsene Organisation sind wir darin weniger geübt. Zudem fehlen teils klar definierte Prozesse und Abhängigkeiten – eine Voraussetzung für Standardisierung, Effizienz und Kostenvorteile. Auch an der Sichtbarkeit der Digitalisierung in den Einrichtungen müssen wir weiterarbeiten.“

Lars Karrock
Lars Karrock, Fotograf: Karsten Fink /MEDIENHAUS der EKHN

KI ist da – aber ohne ausreichende Orientierung

Besonders dynamisch entwickelt sich aktuell das Thema Künstliche Intelligenz. KI ist längst kein Zukunftsthema mehr, sondern Realität. So nutzt laut Studie mittlerweile mehr als die Hälfte der Befragten, rund 54 Prozent, generative KI zumindest gelegentlich. Und auf institutioneller Ebene sagen etwa 60 Prozent, dass sie KI einsetzen oder es planen. Dies ist ein deutlicher Sprung im Vergleich zur vorherigen Erhebung im Jahr 2023 – damals waren es nur rund 20 Prozent.

Im Alltag dominieren dabei zunächst klassische Anwendungsfelder bei Kirchenmitarbeiter:innen und -mitgliedern:

  • Recherche (ca. 60 %)
  • Texterstellung (ca. 52 %)
  • Beratung bzw. „um Rat fragen“ (ca. 29 %)

Gleichzeitig spiegelt die Studie eine Spannung zwischen Anspruch und Praxis wider, stellt Prof. Sievert fest: „Während auf der einen Seite viel über ethische Standards gesprochen wird und darüber, wie wichtig klare Leitlinien sind, zeigt auf der anderen Seite die Praxis, dass diese Ansprüche oft relativiert werden, wenn es um die eigene Nutzung geht.“ So sagten etwa 20 Prozent der Befragten ganz offen, dass sie konkrete KI-Anwendungen auch dann nutzen würden, wenn diese eigentlich nicht erlaubt sind. Dazu komme ein deutlicher Qualifizierungsbedarf – nur rund 20 Prozent der Mitarbeitenden hätten bisher überhaupt eine Schulung zu KI bekommen. 

Auch Lars Karrock sieht die Ambivalenz: „KI fasziniert, weil sie mit vergleichsweise wenig Aufwand große Entlastung verspricht – gerade in der Verwaltung.“ Doch er setzt bewusst einen Kontrapunkt: „KI kann unterstützen, aber sie ersetzt nicht den Menschen. Gerade in sensiblen Bereichen wie Kommunikation oder Seelsorge sehen wir sie als ergänzendes Werkzeug.“ Sein Leitgedanke ist klar: „‚Human in the Loop‘ ist für uns kein Schlagwort, sondern eine Haltung.“

Diese Spannung greift auch Jürgen Stobbe vom VRK auf: „Die Studienergebnisse zeigen die gestiegene Wichtigkeit des Themas KI in der Kirche; zugleich belegen sie die große Bedeutung ethischer Fragestellungen sowie das, was derzeit oft in Grauzonen passiert.“ Gerade deshalb hoffe er darauf, dass die Kirche ihre hohen moralischen Anforderungen an das Thema noch besser untermauert, aufgrund der Studienergebnisse strategischer angeht und damit letztlich auch operativ noch besser umzusetzen vermag.

Zwischen digital und analog liegt die eigentliche Stärke

Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft die Kommunikation mit Mitgliedern. Hier zeigt sich: Die Lösung liegt nicht in einem starren Entweder-oder, sondern in einem sinnvollen Miteinander verschiedener Kommunikationskanäle. Lars Karrock: „Digitale Kanäle und soziale Medien ermöglichen individuelle Ansprache und neue Nähe. Gleichzeitig erleben wir: Eine handgeschriebene Karte oder ein Brief im Briefkasten kann emotional mehr auslösen als der nächste Newsletter im Postfach.“ 

Was jetzt zählt

Insgesamt entsteht somit ein vielschichtiges Bild: Kirche ist digitaler, als sie oft wirkt – aber weniger strategisch, als sie sein müsste. Die aktuelle Dynamik kann verunsichern, aber sie eröffnet auch Chancen. Ein zentraler Erfolgsfaktor wird es sein, die weiteren Entwicklungen kontinuierlich zu beobachten, verantwortungsvoll auf sie zu reagieren und Strukturen nötigenfalls anzupassen. „Der Einsatz von Digitalisierung und KI wird mit darüber entscheiden, wie eine Organisation, die sich in der Fläche stark verändert, langfristig wettbewerbsfähig bleiben kann“, bringt es Jürgen Stobbe auf den Punkt.

Studie DiRK 2026
An der Studie „Digitalisierung im Raum der Kirchen“ (DiRK 2026) haben insgesamt über 7.000 Befragte aller Konfessionen teilgenommen – damit war es die bislang mit Abstand umfangreichste Studie zu diesem Thema.

Podcast „Ermutigende Blickwinkel“ 

Passend zur Debatte rund um das Thema Digitalisierung produziert die EB aktuell eine neue Serie ihres Podcasts „Ermutigende Blickwinkel“. Die erste Folge unter der Überschrift „Zwischen Megatrend und Moral – Verantwortungsbewusste Digitalisierung“ eröffnet die Reihe mit aktuellen Perspektiven auf die gesellschaftlichen, ethischen und ökologischen Dimensionen der Digitalisierung.