Die Frage, wie Lebensmittelabfälle in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft reduziert werden können, stand auch im Mittelpunkt des jüngsten „Trend-Talks“ der EB-Tochter ChangeHub.
„Greifbare Lösungen für aktuelle Herausforderungen“
Hans-Christoph Reese, Leiter Nachhaltige Kundenprojekte bei der EB, hatte Torsten von Borstel hierfür als externen Referenten gewonnen. Warum setzte er das Thema „Food Waste“ auf die Agenda?
Hans-Christoph, als Team „Nachhaltige Kundenprojekte“ unterstützt ihr gemeinsam mit dem ChangeHub Unternehmen der Sozialwirtschaft beim Übergang in eine nachhaltige Wirtschaft. Dazu gehört unter anderem die Begleitung bei der Erstellung von Treibhausgasbilanzen, Klimaübergangsplänen und Nachhaltigkeitsberichten. Was hat all dies mit Food Waste zu tun?
Reese: Auf den ersten Blick natürlich wenig. Die Themen, mit denen wir uns in der Regel beschäftigen, wirken im ersten Moment abstrakt und weit entfernt vom Arbeitsalltag – auch wenn es für die Gesundheits- und Sozialwirtschaft zugleich unverzichtbar ist, die eigenen Nachhaltigkeitsrisiken zu kennen, sie offenzulegen und entsprechende Maßnahmen zur Vermeidung oder Reduktion zu entwickeln. Mit unserem „Trend-Talk“ setzen wir unserer konzeptionellen und strategischen Arbeit bewusst ein praxisnahes Format entgegen und diskutieren hier konkrete, greifbare Lösungen für aktuelle Herausforderungen – z.B. unter der Überschrift „Anpassung an den Klimawandel“, „Kreislaufwirtschaft“, „Verbraucherschutz“, „Umgang mit eigenen Arbeitskräften“ oder eben „Food Waste“.
Das klingt nach einer großen Vielfalt an Einflüssen, denen ein Unternehmen ausgesetzt sein kann. Wie behält man dabei den Überblick?Reese: Dafür gibt es ein sehr hilfreiches Instrument: Wir empfehlen, die eigene Wertschöpfungskette einmal zu visualisieren. So lassen sich die Nachhaltigkeitsaspekte deutlich leichter identifizieren, die einen wesentlichen Einfluss auf das Unternehmen haben.
Nehmen wir beispielsweise den Klimawandel: Wenn Mitarbeitende die Wertschöpfungskette visualisieren, wird schnell deutlich, dass sich der Klimawandel nicht nur durch steigende Temperaturen im eigenen Wohnbereich (innerbetriebliche Wertschöpfung) bemerkbar macht, sondern auch beim Energieeinkauf (vorgelagerte Wertschöpfung) oder bei der Vermietbarkeit eigener Wohnungen (nachgelagerte Wertschöpfung). So entsteht ein umfassendes, ganzheitliches Bild der Auswirkungen und man kann anschließend Maßnahmen entwickeln, um negativen Effekten, die sich letztlich immer auch finanziell bemerkbar machen, gezielt entgegenzusteuern.
Dann durchzieht das Thema „Food Waste“ – die Ressourceneffizienz in der Lebensmittelversorgung – gewissermaßen die gesamte Wertschöpfungskette des Unternehmens?
Reese: Richtig! In der vorgelagerten Wertschöpfung entscheidet das Unternehmen, welche Lebensmittel zu welchen Bedingungen beschafft werden. Die innerbetriebliche Wertschöpfung umfasst die Zubereitung und Versorgung der Bewohnenden. Und die nachgelagerte Wertschöpfung befasst sich mit den Abfallmengen und der Entsorgung von Lebensmittelabfällen. Aber Food Waste betrifft nicht nur die gesamte Wertschöpfungskette, sondern es ist auch ein zentrales Querschnittsthema der Nachhaltigkeit: Unser Umgang mit Ernährung trägt zu in erheblichen Maß zur Überschreitung der planetaren Grenzen bei. Die genetische Vielfalt auf unserem Planeten wird z. B. zu 90 Prozent davon beeinflusst, welche Nahrungsmittel wir anbauen. 50 Prozent der bewohnbaren Landfläche unseres Planeten wird für Tierhaltung genutzt. Diese Zusammenhänge lassen sich über alle drei Säulen der Nachhaltigkeit hinweg fortsetzen – von Umweltverschmutzung über soziale Probleme bis hin zu Menschenrechtsverletzungen. Die Beschäftigung mit der Ressourceneffizienz in der Lebensmittelversorgung sorgt damit für einen eheblichen Hebel für mehr Nachhaltigkeit in Unternehmen der Gesundheits- und Sozialwirtschaft.
Hans-Christoph Reese, Abteilungsleitung Nachhaltige Kundenprojekte, Evangelische Bank