„Nachhaltigkeit ist ein strategischer Veränderungsprozess“
11. Juni 2026
Keine Pflicht mehr – aber ein klarer Kurs: Die Evangelische Stiftung Neinstedt setzt ihren Nachhaltigkeitsweg konsequent fort. Im Interview berichten die Verantwortlichen, warum Nachhaltigkeit für sie kein regulatorischer Imperativ, sondern ein strategischer Veränderungsprozess mit langfristiger Wirkung ist.
Durch die „Omnibus“-Regelung ist Ihr Unternehmen voraussichtlich nicht mehr berichtspflichtig. Warum haben Sie sich dennoch entschieden, den eingeschlagenen Weg in Sachen Nachhaltigkeit konsequent weiterzugehen?
Ronny Rösler: Natürlich stand die Frage im Raum: Stoppen wir das jetzt? Aber für uns gab es zwei klare Gründe, weiterzumachen. Erstens: Wir hätten bereits investierte Arbeit einfach verworfen – das wäre weder wirtschaftlich noch nachhaltig gewesen. Und zweitens: Wir sehen uns als großer Träger der Eingliederungshilfe in Sachsen-Anhalt auch in einer besonderen Verantwortung. Letztlich ist es für uns auch ein christlicher Auftrag, die Schöpfung zu bewahren. Deshalb war klar: Wir gehen weiter – auch ohne Pflicht.
War es nicht naheliegend, angesichts der weggefallenen Pflicht zumindest etwas Tempo herauszunehmen?
Ronny Rösler: Das ist tatsächlich passiert – allerdings bewusst und gesteuert. Der Druck ist geringer geworden, das stimmt. Und genau das gibt uns jetzt auch eine neue Freiheit. Wir haben aktuell die Möglichkeit, uns Zeit zu nehmen: für die Wesentlichkeitsanalyse, für Priorisierung und für die Diskussion mit den Leitungskräften. Das ist kein „Durchpeitschen“ mehr, sondern ein strukturierter Entwicklungsprozess.
Gab es einen Moment, in dem klar wurde: Der eigentliche Wert der Nachhaltigkeitsarbeit liegt nicht im Bericht, sondern im Prozess selbst?
Holger Ritz: Für mich ist das sehr klar die Frage der Energie und Ressourcen. Wenn man sich damit systematisch beschäftigt, erkennt man schnell, wo überall Potenziale liegen – oft auch unbewusst genutzte. Ein Beispiel sind die Ressourcen entlang der Prozesskette, etwa beim Thema Speisereste. Wenn man früh ansetzt, kann man entlang der gesamten Kette nachhaltiger arbeiten – vom Klienten über die Produktion bis zur Entsorgung.
Annegret Pohl: Ich würde keinen einzelnen Zeitpunkt benennen. Es hat sich vielmehr entwickelt. Mit der Wesentlichkeitsanalyse haben wir begonnen, Themen systematisch zu betrachten. Danach kam sofort die Frage: Wie bringen wir das in die Praxis? Und genau da verschiebt sich der Fokus automatisch – weg vom Bericht, hin zur Umsetzung. Der Bericht ist dann eher das Ergebnis, nicht der Treiber.
Gemeinsam treiben Sie Nachhaltigkeitsthemen bei der Evangelischen Stiftung Neinstedt voran: Ronny Rösler, Pädagogisch-Diakonischer Vorstand, Annegret Pohl, Mitarbeiterin Stabsstelle Nachhaltigkeit, und Holger Ritz, Leiter Stabsstelle Energie und Nachhaltigkeit.
Wie hat die Arbeit mit Nachhaltigkeitsstandards Ihren Blick auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre strategischen Prioritäten verändert?
Ronny Rösler: Wir haben festgestellt, dass wir an vielen Stellen bereits nachhaltig arbeiten – ohne es so genannt oder systematisch bewertet zu haben. Das war ein wichtiger Aha-Effekt. Gleichzeitig sind die Themen komplex. Ein Beispiel ist die Verpflegung: Man könnte theoretisch sehr schnell Entscheidungen treffen, etwa den Fleischanteil drastisch zu reduzieren. Aber wir arbeiten hier mit einer langen Tradition und mit Menschen, für die Stabilität wichtig ist. Deshalb braucht es ein ausgewogenes Vorgehen. Für uns heißt das: nicht nur entscheiden, sondern kommunizieren und die Menschen mitnehmen.
Holger Ritz: Ich hatte zunächst den Eindruck, dass wir bereits viel tun und auch entsprechend wahrgenommen werden. Die Wesentlichkeitsanalyse hat aber gezeigt: Es gibt deutlich mehr Potenziale, als uns bewusst war. Vor allem ist klar geworden: Nachhaltigkeit muss tiefer in der Organisation verankert werden – bis in die Mitarbeitenden hinein. Das Bewusstsein muss wachsen.
Welche Themen haben sich als besonders wesentlich herausgestellt?
Annegret Pohl: Im Kern sind es die Themen Energie, Arbeitsbedingungen, Ressourcen im weiteren Sinne und die Klimaanpassung bei der Gebäudeinfrastruktur. Diese Themen waren im Grunde schon vorher da. Neu ist, dass sie jetzt strukturiert und datenbasiert bearbeitet werden. Nachhaltigkeit hilft uns, aus Einzelthemen ein System zu machen – mit Kennzahlen, Prioritäten und klaren Entwicklungswegen.
Welche Veränderungen hat der Prozess im Management und in der Steuerung Ihrer Organisation ausgelöst?
Ronny Rösler: Wir haben Nachhaltigkeit inzwischen fest in unseren strategischen Zielen verankert und auch personell als Managementaufgabe aufgestellt. Das ist ein wichtiger Schritt. Heute denken wir Nachhaltigkeit in allen strategischen und operativen Entscheidungen automatisch mit. Es ist kein Zusatz mehr, sondern Teil der Unternehmenslogik geworden.
Was würden Sie anderen Organisationen – insbesondere in der Eingliederungshilfe – raten, die Nachhaltigkeit noch als reine Pflichtaufgabe sehen?
Holger Ritz: Ich würde sagen: gemeinsam denken. Nachhaltigkeit und Energiemanagement gehören zusammen. Und man sollte anfangen – unabhängig davon, wie sich politische Rahmenbedingungen entwickeln. Wer wartet, verliert Zeit und Geld. Wer startet, gewinnt Erkenntnisse und Handlungsspielräume.
Annegret Pohl: Der Bericht wirkt oft wie ein zusätzlicher Aufwand. Aber wenn man den Einstieg in die Umsetzung findet, entsteht schnell ein anderer Blick: kleine Maßnahmen, erste Erfolge, mehr Sichtbarkeit. Dann wird es fast selbstverständlich, weiterzumachen.
Ronny Rösler: Mein Rat wäre: unbedingt machen – aber realistisch bleiben. Es ist ein großer, langfristiger Prozess. Wenn man ihn ernsthaft angeht, wird er irgendwann selbstverständlich. Wenn nicht, versandet er. Nachhaltigkeit ist kein Projekt, sondern eine dauerhafte Veränderung in der Organisation.